Posted by: amschulzes | January 30, 2014

Zum Zmittag eine Portion Helvetia

Schon wieder ist es passiert. Ich habe einen Deutschen verwirrt. Diesmal mit folgendem Satz: „Biegen Sie nach dem Lichtsignal rechts ab, dann erreichen Sie direkt den Viktoriaplatz.“ Der Autofahrer blickte mich fragend an. Ich blickte fragend zurück. Bis mir ein Licht aufging und ich mich selbst korrigierte: „Also natürlich bei der Ampel rechts abbiegen.“ Endlich nickte der Mann – und brauste davon.

Wir Schweizer sind ein lustiges Völkchen. Wir haben Hunderte herzige Wörter, beziehungsweise süßeAusdrücke, die für deutsche Ohren chinesisch tönen, oder eben: klingen. Schnusig, gfrässig, Guetzli, schtibitze, gwundrig oder Müntschi. Klares Schweizerdeutsch. In unserer Schriftsprache gibt es aber „offiziell erlaubte“ Wörter und Redewendungen, die wir innerhalb unserer Landesgrenzen verwenden dürfen, ohne dass die Sprachpolizei gleich eine Busse verteilt, beziehungsweise: einen Strafzettel ausstellt. Die Rede ist von Helvetismen – den sprachlichen Besonderheiten im Schweizerhochdeutschen, einer nationalen Varietät des Standarddeutschen und nicht zu verwechseln mit Schweizerdeutsch. Eben zum Beispiel Lichtsignal statt Ampel. Alles klar?

Zur Feier des Tages und aus Liebe zur Sprache gibt’s heute eine kleine Geschichte, vom Schweizerhochdeutschen ins Hochdeutsche übersetzt. Einfach so, zum Plausch, äh: aus Spaß.

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Schweizerhochdeutsch: Ruedi der Coiffeur zügelt

„Nie reinigst du den Tumbler, Ruedi! Nie wischst du den Boden, und nie stellst du den Kehricht rechtzeitig raus. Jetzt ist genug Heu unten“, sagt der Nachbar und bedroht Ruedi im Gang des alten Riegelhauses mit einem Sackmesser. Ruedi bekommt Hühnerhaut, kann sich aber im Trainer und noch mit den Finken an den Füssen auf die Strasse und von dort in die nächste Beiz retten. Das Mittagsmenü, Kartoffelstock mit gebratenem Poulet und Nüsslisalat, schmeckt ihm vorzüglich, doch er steht völlig neben den Schuhen. Als die Serviertochter das Dessert auftischt – Himbeerglace mit Rahm –, hat er den Rank wieder gefunden und einen Plan gefasst: Er wird zügeln. Die ewigen Streitereien mit dem pingeligen Abwart aus dem Parterre gehen Ruedi schon lange auf den Keks. Ein so aufgestellter Typ wie er, Ruedi der Coiffeur, lässt sich seine Laune nicht länger vermiesen. Der Alte kann ihm mal in die Schuhe blasen. Entschlossen stösst Ruedi die Tür auf, tritt auf das Trottoir und von dort auf die Strasse. Da quietschen plötzlich Pneus. Ein Automobilist hatte seinen Wagen im Parkierverbot abgestellt, beim Rausfahren mit dem Natel telefoniert und den Vortritt missachtet. So, dass Pöstlerin Vreni prompt von ihrem Velo fällt und es schlussendlich nur noch stossen kann. Fast wäre sie im Spital gelandet! Per Zufall ist die Polizei anwesend, welche den Fehlbaren sogleich verzeigt und ihm zwei Wochen später gar den Führerausweis abnimmt. Ruedi hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine neue Wohnung in einem anderen Quartier auf sicher – mit grosszügiger Stube (Handgelenk mal Pi etwa 50 Quadratmeter) und geräumigem Estrich. Und einer hübschen Treuhänderin als Nachbarin. Bleibt zu hoffen, dass es mit ihr kein Puff in der Waschküche gibt.

Hochdeutsch: Rudolf der Frisör zieht um

„Nie reinigst du den Wäschetrockner, Rudolf! Niekehrst du den Boden, und nie stellst du denAbfall rechtzeitig raus. Es reicht“, sagt der Nachbar und bedroht Rudolf im Hausflur des alten Fachwerkhauses mit einem Taschenmesser. Rudolf bekommt Gänsehaut, kann sich aber imSportanzug und noch mit den Hausschuhen an den Füßen auf die Straße und von dort in die nächste Kneipe retten. Das Mittagsmenü,Kartoffelpüree mit gebratenem Hähnchen undFeldsalat, schmeckt ihm vorzüglich, doch er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Als die Kellnerindie Nachspeise auftischt – Himbeereis mit Sahne–, hat er die Kurve wieder gekriegt und einen Plan gefasst: Er wird umziehen. Die ewigen Streitereien mit dem pingeligen Hauswart aus dem Erdgeschoss gehen Rudolf schon lange auf den Keks. Ein so fröhlicher Typ wie er, Rudolf derFrisör, lässt sich seine Laune nicht länger vermiesen. Der Alte kann ihm mal den Buckel hinunterrutschen. Entschlossen drückt Rudolf die Tür auf, tritt auf den Gehsteig und von dort auf die Straße. Da quietschen plötzlich Reifen. EinAutofahrer hatte seinen Wagen im Parkverbotabgestellt, beim Rausfahren mit demHandy telefoniert und die Vorfahrt missachtet. So, dass die Postbotin Verena prompt von ihremFahrrad fällt und es letztendlich nur nochschieben kann. Beinahe wäre sie im Krankenhausgelandet! Per Zufall ist die Polizei anwesend, dieden Schuldigen sogleich anzeigt und ihm zwei Wochen später gar den Führerschein abnimmt. Rudolf wurde zu diesem Zeitpunkt bereits eine neue Wohnung in einem anderenStadtviertel zugesichert – mit großzügigem Salon(Pi mal Daumen 50 Quadratmeter) und geräumigem Dachstock. Und einer hübschenSteuerberaterin als Nachbarin. Bleibt zu hoffen, dass es mit ihr keinen Zoff in der Waschküche gibt.

Quelle: Bigna Silberschmidt

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