Posted by: amschulzes | April 27, 2014

AUSSTEIGEN? von Rainer Eberhard

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Es war an einem dieser unfreundlichen Herbsttage. Kalter Regen zog durch die Straßen und ließ das  Pflaster dunkel scheinen. Von Osten blies ein unangenehm kalter Wind; der Winter war nicht weit.

Zögernd verließ er das Haus, um den Weg zur Haltestelle  einzuschlagen . Die  Nässe drang langsam durch das Leder seiner leichten Schuhe und erinnerte ihn daran, dass er hier nicht zu Hause war. Er fluchte leise: «Dieses Land, dieses Wetter, diese Deutschen.»  Nicht zufällig dachte er gerade in diesem Moment an die Menschen, bei denen er als Gast lebte. Begriffe wie Pünktlichkeit, Pflicht, Disziplin hatte man immer wieder diskutiert, und solche Worte klangen ihm noch jetzt im Ohr.

Der Ärger über diese  ergebnislosen Gespräche verband sich jetzt mit dem  Missmut über das  feindselige Wetter und trieb ihn zornig gegen den Wind vorwärts. Mit dem Blick zur Seite beobachtete er all diese ordentlichen Vorgärten, die mit den drei  Tannen links oder manchmal auch rechts neben der Haustür, aber es waren immer drei.

Eines dieser Drei-Tannen-Vorgartenhäuser war ihm vor ein paar Tagen besonders aufgefallen. Der Rasen war grün und kurz geschnitten, die  Beete folgten der Grundstückgrenzen in immer gleichem Abstand, der Eingangsweg führte gerade zur Eingangstür, und da war es: über der Tür stand in alter Schrift: Daheim.

Er hatte zuerst im Wörterbuch nachschlagen müssen. Jetzt wusste er, dass es ungefähr «zu Hause» bedeutete. «Warum stand das am Haus?» hatte er sich die ganze Zeit gefragt. Gab es da einen Sinn, den er nicht verstehen konnte? Jemand war dort zu Hause! Musste er das dann – wie zur Sicherheit – noch einmal an die Hauswand schreiben? Wie würde es im Haus aussehen? Stand dort: «Wohnzimmer», «Küche», «Badezimmer» an den Türen?

Mit diesen Gedanken beschäftigt, hatte er, fast ohne es selbst zu bemerken, die Haltestelle der Straßenbahn erreicht. Ihm wurde langsam kalt. Er spürte deutlich die Nässe. Die anderen könnten doch leben, wie sie wollten, er selbst suchte jetzt nur einen trockenen, warmen Platz. Das Wartehäuschen bot nicht viel Schutz. Niemand war da, mit dem er sprechen konnte, um seine Gedanken los zu werden. Ungeduldig ging er hin und her. Wann kam denn endlich die Straßenbahn? Gerade wollte er auf dem Fahrplan nachsehen, da sah er eine Straßenbahn herankommen. Sie fuhr in die falsche Richtung. «Egal!» dachte er. Er wohnte kurz vor der Endstation und konnte ohne großen Zeitverlust drei Stationen in die falsche Richtung fahren, um kurz darauf, jetzt auf der richtigen Seite, wieder zurückkommen. «Nur raus aus der Kälte.» Er  sehnte sich nach  Geborgenheit und nach Wärme.

Der Straßenbahnzug hielt, die Türen öffneten sich. Schnell stieg er ein und setzte sich auf einen Platz am Fenster. Geordnete Vorgärten zogen an ihm vorbei. Quadratische oder rechteckige Rosenbeete begleiteten seinen Weg zur Endstation. Die Heizung strahlte eine  wohlige Wärme aus, drang in seinen ausgekühlten Körper und machte ihn müde. Sein Ärger von vorhin wurde beruhigt. «Sehr gut», dachte er, «die Straßenbahn ist pünktlich, und die Heizung ist auch angestellt.» Lächelnd dachte er an zu Hause. Dort musste er oft lange Zeit auf den Bus warten. Nie wusste er genau, wann der nächste kam, auch die anderen Wartenden konnten es meistens nicht sagen. «Wirklich, diese Organisation hier», sagte er zu sich selbst. «Beeindruckend», dachte er und lächelte nicht mehr.

Allmählich wurde er schläfrig und begann, die Schwierigkeiten der letzten Zeit zu vergessen.

«Endstation! Alles aussteigen!» drang es von weitem an sein Ohr. Er blieb sitzen und  genoss die Wärme. «Bitte aussteigen!» Dieses Mal kam die Aufforderung etwas lauter, auch der Ton war energischer. Er wurde unsicher. Galt das ihm? Er war allein in der Straßenbahn. Was sollte er machen? Er wollte doch nicht aussteigen. Plötzlich kam der Fahrer. «Haben Sie nicht gehört?» fragte er unfreundlich. «Endstation! Sie müssen aussteigen!» «Aber ich möchte …» Ihm fiel das passende Wort nicht ein. Was sollte er sagen? Umdrehen? Zurückgehen? Zurückfahren? Weiterfahren? Eine Pause entstand. «Hier Endstation! Hier aussteigen!» Der energische Ton des Fahrers erlaubte keinen  Widerspruch . «Einsteigen da!» erklärte der Fahrer, indem er mit seinem Zeigefinger auf ein Wartehäuschen deutete, das ein paar Schritte entfernt stand. Er erschrak. Das war das ihm wohl bekannte Ausländer-Deutsch. Aber so hatte man schon lange nicht mehr mit ihm gesprochen, er war doch … Er fühlte sich vom Fahrer erkannt. Hier gab es nichts mehr zu sagen, er musste hinaus. Mehr traurig als böse verließ er die Straßenbahn. Die Kälte hatte ihn wieder.

Wie zur Ironie blies ihm kalter Regen direkt ins Gesicht, und er bemerkte plötzlich wieder, dass seine Schuhe ganz durchnässt waren. Er fror.

Neben ihm fing die Straßenbahn an, langsam weiterzurollen. Nach etwa 20 Metern blieb sie wieder stehen. Er beobachtete verwundert diesen  Vorgang . Was war das? Die Straßenbahn stand immer noch. Minuten vergingen. Warum wartete sie immer noch? Doch nicht auf ihn? Er hatte sie gerade erst verlassen müssen. Ohne große Hoffnung, fast ein bisschen trotzig, ging er auf den letzten Waggon zu und drückte auf den Türknopf. Die Tür öffnete sich, und heraus strömte die angenehme Wärme von vorher. Unsicher stieg er ein. Was wurde passieren? Würde der Fahrer schreien, ihn wieder hinausschicken? Er wartete. Gleich … Der Fahrer blieb sitzen. Er saß ruhig an seinem Platz und aß ein Stück Brot. Endlich fuhr die Straßenbahn los.

Allmählich begann er zu verstehen. Endstation = aussteigen! Haltestelle = einsteigen. Ausnahmen von dieser Regel waren nicht erlaubt.

«Merkwürdiges Land», dachte er, «das die Menschen in die Kälte schickt, wenn es die Ordnung verlangt. Es ist nicht leicht, hier Freunde zu finden.»

Zur Diskussion

1

Von Immigranten wird erwartet, dass sie sich ihrem neuen Heimatland anpassen. Deutschland ist ein Land, das für seine Ordnung, Pflichterfüllung und Pünktlichkeit bekannt ist. Einige Leute werden diese Eigenschaften als negativ empfinden, während andere diese Werte schätzen und finden, dass sie den Alltag erleichtern. 

Besprechen Sie, wie Sie sich im deutschen Alltag zurechtfinden würden! Welche Eigenheiten aus Ihrem Land würden Sie besonders vermissen?

2

«Es leben die Klischees!» 
Den untenstehenden Text über die deutschen Klischees schrieb Günther Waldeck. Diskutieren Sie, inwiefern man Klischees überhaupt trauen kann! Was halten Sie für «typisch deutsch», was im Text noch nicht erwähnt ist?

«Ich mag kein Eisbein mit Sauerkraut, kein Bier und schon gar nicht Lederhosen. Kartoffeln esse ich eigentlich nur als Brei, und VW ist mir zu unbequem. Zu Verabredungen komme ich prinzipiell eine halbe Stunde zu spät, und auch die Arbeit macht mir keinen Spaß. Ich habe keine blauen Augen, meine Haare sind braun, den Ehering trage ich links, einen Ohrring rechts. Wenn ich überhaupt auf Urlaub fahre, dann nach Nepal z.B.
Der Geruch von roter Wurst macht mich aggressiv; als vor einigen Wochen mein Sohn eine Bratwurst wollte, hätte ich sie am liebsten in den Mülleimer geworfen. Ich habe kein Einfamilienhaus, keinen Grill und keinen Langhaardackel. Zu Ostern verstecke ich nie Ostereier. Am Heiligen Abend sitze ich immer im Bistro an der Ecke…»

3

Suchen Sie Klischees über Ihr Land! Finden Sie mindestens vier solcher Klischees und diskutieren Sie, inwiefern diese mit der Realität übereinstimmen oder ob es sich nicht doch nur um Stereotypen handelt!

 

Quelle: Deutsch drei digital, Cappelen Damm

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